Thea Bauriedl

Hinweise für Indikation und Antragstellung bei Einbeziehung von nahen Bezugspersonen, Partnern und/oder Familienmitgliedern in eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Vorbemerkung

Grundsätzlich können wichtige Bezugspersonen bei tiefenpsychologisch fundierter (nicht bei analytischer!) Psychotherapie je nach Bedarf „hinzugezogen“ werden. Die in diesem Sinne erweiterten Psychotherapie-Richtlinien enthalten im Abschnitt E 1.2.2 den folgenden Passus:

„Behandlungen können als Einzeltherapie des Indexpatienten auch in Doppelstunden bei intensiverer Einbeziehung von Partner der Familie durchgeführt werden. Die entsprechenden Stunden werden auf das Gesamtkontingent angerechnet.“

Selbstverständlich kann in diesem Fall auch einstündig gearbeitet werden. „Paar- oder Familientherapien“ (im Sinne eines zu behandelnden ‚Systems‘) fallen nach dieser Richtlinie nicht in den Leistungsbereich der GKV. Die Erfahrung zeigt, daß die Gutachter die Einbeziehung von Familienangehörigen zumeist gerne akzeptieren.

Um die Begründung für die „Einbeziehung“ in der Antragstellung zu erleichtern, habe ich im hier folgenden Text Überlegungen und Formulierungen erarbeitet, die sich auf die in den Psychotherapie-Richtlinien festgelegten Kriterien für die Übernahme der Kosten psychotherapeutischer Behandlungen in der GKV beziehen: Notwendigkeit, Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit.

1. Notwendigkeit
Die Beurteilung der Notwendigkeit einer tiefenpsychologisch fundierten Behandlung von Patienten unter Hinzuziehung naher Beziehungspersonen entspricht – was die Behandlungsbedürftigkeit des Patienten betrifft – den Vorgaben der Psychotherapie-Richtlinien in Abschnitt A und D (Einzel- bzw. Gruppentherapie). Diese Begründungen werden hier nicht noch einmal aufgeführt.

2. Zweckmäßigkeit
2.1. Zur Indikationsstellung
• Ist die Genese der psychischen Erkrankung des Patienten aus dessen persönlicher Entwicklungsgeschichte nachvollziehbar?
• Wurde die psychische Erkrankung des Patienten durch die Beziehungsdynamik zwischen ihm und den in die Therapie einbezogenen Beziehungspersonen ausgelöst und/oder wird sie durch die Beziehungsdynamik zwischen dem Patienten und den Beziehungspersonen aufrechterhalten?
• Konnte in den probatorischen Sitzungen deutlich werden, daß bei Einbeziehung der Beziehungsperson/en Veränderungen im Zustand des Patienten und/oder des behandelten Beziehungsgefüges zu erwarten sind?
• Ist gegebenenfalls die maligne Regression einzudämmen durch
• konsequent ordnende Interventionen im Beziehungsumfeld des Patienten?
• niederfrequente Arbeit?
• durch welche anderen Maßnahmen?

2.2. Zur Einschätzung der Prognose
Grundsätzlich: Ist als gesichert anzunehmen, daß die Erkrankung des Patienten durch das beantragte Behandlungskonzept wesentlich gebessert oder geheilt werden kann?
Hinweise dazu:
• Ist es im Lauf der probatorischen Sitzungen deutlich geworden, daß durch entsprechende Interventionen der Druck auf den Indexpatienten als Symptomträger („Sündenbockphänomen“) gelockert werden kann, so daß der Partner/die Partnerin bzw. die anderen Familienmitglieder ihre eigene Beteiligung an den Beziehungsstörungen des Gesamtsystems (ihren eigenen Leidensdruck) erkennen und für sich selbst (nicht nur als „Begleitpersonen für den Kranken“) Veränderungsmöglichkeiten in der Beziehung sehen können?
• Ist es den Beteiligten möglich, in Gegenwart des oder der anderen Personen ihre Gefühle, Wünsche und Befürchtungen wenigstens in einem Mindestmaß auszudrücken?
Oder verharren sie trotz entsprechender Bemühungen des Therapeuten im „Kampf“ gegeneinander? (evtl. Kontraindikation für die Einbeziehung der Beziehungspersonen)
• Ist der Leidensdruck (im Sinne des Veränderungswunsches bezüglich eigener Erlebens- und Verhaltensweisen) beim Patienten und bei den Beziehungspersonen ausreichend?
Oder sind die Mitglieder des Paar- oder Familiensystems darauf fixiert, die Besserung ihrer eigenen Lage nur durch Veränderung des/der jeweils anderen zu erwarten? (evtl. Kontraindikation)
• Wie sind die Introspektionsfähigkeit, die Krankheitseinsicht, die Motivation und die Bereitschaft zur Mitarbeit aller in die Behandlung einbezogener Personen einzuschätzen?
• Können sich die einbezogenen Partner oder Familienmitglieder auf beruhigende und ordnende Interventionen einlassen? Zeigt sich in den probatorischen Sitzungen ein Ansatz zu einer verbesserten Kommunikations- und Verständigungsmöglichkeit aufgrund der angebotenen Hilfestellung des Therapeuten?
Oder sind die Angst und infolgedessen der Widerstand so groß, daß sich die Beteiligten auch in der Situation der probatorischen Sitzungen nur durch gegenseitige Angriffe „retten“ können? (evtl. Kontraindikation)
• Wie reagieren die Beteiligten auf Probedeutungen (insbesondere Deutung der Verbindung zwischen ihrem äußeren Verhalten und ihrer inneren Befindlichkeit)?
• Besteht beim Patienten und bei den einbezogenen Beziehungspersonen die Fähigkeit zur therapeutischen Ichspaltung (Fähigkeit, die eigenen Aktionen und Reaktionen relativierend zu reflektieren?)

3. Wirtschaftlichkeit
3.1. Grundsätzlich
Stellt die beantragte Form und der beantragte Umfang der Einbeziehung von Beziehungspersonen die wirtschaftlich günstigste Behandlungsmethode dar?
3.2. Grundsätzlich
Können in diesem Fall die Kosten der Behandlung des Patienten durch Einbeziehung der Beziehungspersonen gesenkt werden?
Hinweise dazu:
• Reicht das Behandlungskonzept voraussichtlich aus, um eine Besserung bzw. Heilung der beschriebenen psychischen Erkrankung zu erreichen? Muß es erweitert werden?
• Kann durch das beantragte therapeutische Setting eventuell ein stationärer Aufenthalt des Patienten vermieden werden (z.B. wenn durch die Einbeziehung der Beziehungspersonen maligne Zuspitzungen familiärer Interaktionen verhindert werden können)?
• Kann durch das beantragte Behandlungssetting eine drohende Symptomverschiebung zwischen den Familienmitgliedern bzw. zwischen dem Paar vermieden oder verhindert werden, die sich dann wiederum ungünstig auf den Therapieerfolg des Patienten auswirken würde ? (Kostenreduzierung durch Einbeziehung der Beziehungspersonen)
• Haben chronische oder sehr belastende akute Krankheitsprozesse des Patienten die Bewältigungsmöglichkeiten seiner Angehörigen so sehr erschöpft, daß bei diesen eine psychische Dekompensation verhindert werden muß? (Frühzeitige Verhinderung weiterer Behandlungserfordernisse beim Patienten wegen drohender Rezidive aufgrund des Zusammenbruchs seines familiären Umfelds)
• Hat die einzeltherapeutische Behandlung eines Familienmitglieds eine pathogene Beziehungskrise in dessen familiärem Umfeld ausgelöst, die durch Einbeziehung der Beziehungspersonen behandelt bzw. aufgelöst werden muß? (Verhinderung von malignen Folgeerscheinungen der Einzeltherapie im Umfeld, die wiederum den Patienten belasten würden)
• Bestünde ohne Einbeziehung der Beziehungspersonen des Patienten die Gefahr, daß dessen Leiden in der Beziehungssituation mit seinen Beziehungspersonen sich ausschließlich in der Beziehung zum Therapeuten (als „Klagemauer“) ausdrückt und dabei die für dessen Gesundung erforderliche direkte Auseinandersetzung mit seinen Beziehungspersonen (weiterhin) vermieden würde? (Gefahr: Verlängerung der Einzeltherapie oder Einschränkung von deren Wirksamkeit, wenn die Beziehungspersonen nicht einbezogen werden)

25.04.2007